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17.4.1326

 


Bruder Egbert, Antonius aus Rom, Die Deutschritter, - Kirchgang

Reetdach, rohe Stämme 

 17. April 1326

Bruder Egbert stand von seinem Lager auf das aus ein paar Brettern und einem Elchsfell bestand. Die einfache Hütte aus rohen Baumstämmen hatte keine Fenster und auch kein Loch im Dach durch das der Rauch hätte abziehen können. Jetzt war es endlich warm genug geworden. Man brauchte kein Feuer mehr und die im Winter vom Rauch entzündeten Augen konnten sich erholen. Er öffnete die Tür und der frische Lufthauch weckte die anderen. Zwei Kaufleute aus Lübeck mit Bediensteten und ein junger Prälat aus Rom waren außer ihm selbst die Gäste des Ordens. Die Lübecker wollten fünf Koggenladungen Korn kaufen welches sie mit gutem Gewinn - wie schon im Vorjahr - an England und die Niederlanden verhandeln würden. Sie kamen so früh, wo doch eben erst die grüne Saat aufging, um den Kauf zu reservieren oder gar "auf dem Halm" perfekt zu machen, um zur Erntezeit dann nicht von der Konkurrenz überboten zu werden. Hier wuchs das Korn besser als in Holland wo die feuchten Böden sich mehr zur Viehzucht eigneten. Und die Ordensleute waren nicht nur gute Krieger, sondern auch geschickte Ackerbauer. Er trat vor die Tür und seine Sandalen schmatzten in dem feuchten Grund. Ja, das war hier das Problem, zu viele Moore, zuviel Nässe im Boden. Der Ordensritter Konrad, der ihn begrüßt hatte und dann auch für alles Praktische zuständig war, hatte ihm erzählt, wie sie das Wasser vertrieben hatten. Als im vorigen Jahrhundert der befreundete Templer-Orden zerstört worden war, flohen auch einige Templer zu ihnen in die baltischen Lande. Man nahm sie auf und beschützte sie. Einer, er hieß wohl Raimund, stammte ursprünglich aus Occitanien und war viel gereist. Er erzählte besonders gern von seinen Reisen als Gesandter zu den Maurischen Höfen in Spanien. Von den Palästen in zarter Filigranarchitektur aus den farbigsten Steinen, von den Gärten voll Blumen, Obst und Gemüse, von den Universitäten auf denen Wissenschaften gelehrt wurden, die im Norden noch unbekannt waren, besonders der Mathematik, von den Wunderwerken der Wasserspiele und Bewässerungsanlagen. Der Ordensritter Gernot aus Westfalen kam bei diesen Erzählungen auf die Idee, daß dort, wo man gelernt hatte, das Wasser heranzuführen, man auch darüber Bescheid wissen mußte, wie man es fort bringen könne. Man hatte alles besprochen und dem Ordensgeneral vorgetragen. Die Erlaubnis wurde bald erteilt, und Gernot reiste nach Spanien um die Wassertechnik zu erlernen. Sie dauerte ziemlich lange diese Reise. Von dem kleinen Stützpunkt Riga mit einem Kauffahrer nach der Hansestadt Wismar, von dort mit einem anderen Schiff durch den Sund, längs der friesischen Küste, vorbei an den Normannenlanden bis zur Biskaya. Dann weiter mit Saumtieren über die spanische Hochebene nach Granada, Cordoba und Sevilla. Eine Reise mit vielen Tücken und Gefährnissen. Die Dänen verlangten Zoll am Sund, die Friesen kaperten oft Schiffe der Hansa mit der sie mal wieder im Streit um die Handelshöfe in Rußland lagen, beim Land der Normannen konnte man leicht in den Händel zwischen England und Frankreich geraten und in Spanien in die letzten Kämpfe der Reconquista. Doch glücklich kehrte Gernot nach zwei Jahren zurück und wußte jetzt, wie man Tonröhren mit kleinen Löchern konisch formte und brannte, wußte wie man sie unterirdisch mit dem richtigen Gefälle verlegte - immer ineinander geschoben - und wußte wie man bei unterschiedlichen Böden - mehr Löß oder mehr Sand im Gemenge - die Größen so berechnete, daß das Wasser aus dem Boden durch die Löcher in die Röhren drang und dann weiter abfloß. Wenn der Acker so eben war, daß das Wasser keinen Bach erreichen konnte, wurden große Auffangbecken gegraben und das Wasser mit Windrädern hoch geschöpft. Jetzt waren die Äcker trocken und brachten reiche Roggenernten.

Bruder Egbert zog seine Sandale aus dem Matsch und sah sich um. Die Sonne ging gerade auf, eine Schar Wildtauben zog gurrend über die Kiefernwipfel am Ende der Lichtung und er ging ein paar Schritte nach Osten um in Ruhe sein Morgengebet zu sprechen. Außerhalb des Klosters brauchte er nicht all die strengen Gesetze des Tageslaufs einzuhalten, aber die fünf Gebete versäumte er nie. Dazu fand sich immer eine Zeit und ein Ort. Als er sich umdrehte sah er den Prälat, der ihn nachdenklich musterte. Er war erst spät angekommen und es war noch keine Gelegenheit gewesen sich kennenzulernen. 
"Sei gegrüßt, Bruder in Christo" sagte der Prälat.
"Ich bin Antonius. Es ist gut dich zu sehen. Die Kurie schickt mich um mal wieder zwischen dem Deutschen Ritter Orden und dem Bischof zu vermitteln. Das ist ein ewiges Gezanke, - wer ist der Herr hier, wem gehört was, wer darf die Abgaben eintreiben, wer zahlt welchen Anteil der Kriegskasse und so weiter."
Egbert hatte plötzlich Hunger, aber da es heute Sonntag war und er natürlich beim Hochamt das Abendmahl empfangen wollte - was nur nüchtern ging - unterdrückte er das Gefühl. Er holte tief Luft und füllte die Lungen mit dem würzigen Duft der Kiefern. Das half ein wenig.
"Sei auch du gegrüßt, Antonius. Auch ich freue mich dich zu sehen. Erzähl' mir von Rom. Ich war als junger Student dort. Eine mühsame Reise über die Alpen, dann die Ebene Oberitaliens, Florenz und Siena in Umbrien, und endlich die ewige Stadt. Diese mächtige Architektur aus Römerzeiten, diese sorgsam gefügten Rundbögen der Kirchen, dann lange Straßen voller mehrstöckiger Mietshäuser, wunderbare Plätze mit Springbrunnen, der Vatikan und all das was man dort auf der Universität lernen konnte. Obwohl mir heute manches doch arg altmodisch und überholt erscheint. Aber frag' mich bitte nicht, wo ich hier stehe. Ohne den Deutschen Orden wäre dieses Land nicht für Christus gewonnen worden, und ohne den Bischof und seine Priester, die sich mit Sorge und Liebe um ihre Gemeinde kümmern wäre das Land nicht christlich geblieben." 
Egbert reichte Antonius die Hand und beide drückten die des Anderen in stillem Einverständnis. Sie fühlten sich trotz äußerer Gegensätze verwandt. Antonius aus Rom mit den braunen Augen, dunklem Teint und schwarzen Locken, die ihm in die Stirn fielen und Egbert aus Soest in Westfalen mit blau - grauen Augen, bleichem Gesicht und dunkelblondem Haarkranz um die Tonsur. 
"Ach," erwiderte Antonius, " ich glaube in Rom hat sich in den letzten zehn Jahren nicht viel verändert. Der Papst ist noch immer in Avignon und die Stadt ist leerer und die Straßen sind etwas dreckiger geworden. Die Adligen veranstalten Ausflüge und Pferderennen auf der Via Appia, sind dauernd zerstritten über die Fragen der Regierung und tragen ihre Händel aus. Das Volk ist so arm, daß es sich zur Fastenzeit nicht mal Stockfisch aus Norwegen  oder gesalzenen Heringe aus Schonen leisten kann. Aber all das scheint der vergnügten Seele der Römer nichts auszumachen." 
Antonius lächelte beim Gedanken an seine Heimat.
"Solange guter Wein gekeltert wird und die Fischer von Ostia den Tiber mit frischem Fang herauf kommen, ist für die Leute alles in Ordnung. An allen Feiertagen - und die Römer haben viele davon - wird überall an langen Tischen auf der Straße getafelt, die Gaukler machen ihre Späße und sind so wild gekleidet und geschminkt, daß man sie oft kaum von den gräßlichen Fratzen der Leprakranken - die überall bettelnd herumsitzen - unterscheiden kann."
Er schwieg einen Augenblick.
"Ich darf das nur leise sagen. Aber seit die Ordnung der Kirche mehr und mehr verfällt, häufen sich die schrecklichen Verfahren der Inquisition. Das kann doch nicht der Wunsch der Apostel gewesen sein als sie an Pfingsten mit dem Feuer des Wortes und der Sprachen begabt wurden und anfingen das Evangelium in der ganzen Welt zu predigen."
Antonius war blaß geworden und schien zu würgen beim Gedanken an die Grausamkeiten die er hatte mit ansehen müssen. Egbert nahm voll Mitgefühl seinen Arm und führte ihn auf den Weg nach Westen. Von dort hörte man jetzt die kleine Glocke der Kapelle, die zum Hochamt rief.

Imre MacoveczAus rohen Stämmen gefügt mit einem Dach aus Schindeln und dem offenen Glockenturm stand das kleine Kirchlein bald vor ihnen. Sie traten ein. Ein schmuckloser Raum, ein einfacher Block als Altar, die Fenster mit durchscheinenden Häuten verschlossen, lehnenlose Bänke auf dem gestampften Erdboden und das einfache Kreuz in der östlichen Apsis. Viele Kerzen machten den Raum recht hell und das ewige Licht glühte ruhig und ohne flackern. Auf der ersten Reihe saßen die fünf Ritter in weißem Gewand mit dem schwarzen Kreuz, die fünf, die das Vorwerk verwalteten. Dort hatte man auch für die Gäste Platz gemacht. Die Kaufleute waren schon da. Egbert und Antonius bekreuzigten sich mit Weihwasser, gingen an den Bauern und Handwerkern vorbei nach vorne und setzten sich. Vor ihnen hatte die Erde regelmäßige Dellen von den Knien all derer, die hier in langen Jahren schon gekniet hatten. 

Es war schön, die gregorianische Messe zu singen, dachte Egbert. Das Latein war so feierlich. Er beherrschte die Sprache. Aber was war mit den livischen Bauern ? Glaubt man wirklich, daß sie die heiligen Haine und die Schlangen für immer vergessen würden um dem neuen Glauben zu folgen, wenn sie nicht einmal verstünden was da vor sich ging ? Konnte man sie immer mit Bildern befriedigen ? Warum hatte man nur die Ketzer verbrannt, diese Gutmenschen, die dem Volk in der eigenen Sprache predigten und mit ihm beteten? Und wie am Anfang Brot und Kelch reichten? Der Wechselgesang erglühte in vielstimmigem Halleluja. Weihrauch duftete, der Priester ging die vorbestimmten Schritte und begann die Predigt.

"Liebe Brüder, liebe Gäste, liebe Gemeinde," begann er.
"Ich spreche zu euch in deutscher Sprache. Eigentlich sollte ich wegen der Ordensleute Latein predigen, aber diese Ausnahme, hier schon zur Regel geworden, wird mir sicher verziehen. Die meisten hier sprechen deutsch, ihr Liven versteht sicher auch fast alles, und der Gast aus Rom spricht die Sprache ebenfalls."
Egbert war überrascht über diese Einleitung. Der Priester war zwei Jahre in Dünaburg gewesen und war heute zum erstenmal wieder hier. Alle anderen schienen ihn und seine Eigenarten zu kennen.

"Es ist recht lange her, daß ich auf der Insel Reichenau im schönen Bodensee zur Klosterschule ging." Das ist richtig, dachte Egbert als er den silbernen Kranz der Tonsur und die freundlichen Augen mit den vielen Lachfältchen sah.
"Ich lernte dort das Zählen und Rechnen, Lesen und Schreiben. Manche die dort mit mir sich plagten, wurden später Kaufleute, andere Schreiber in den Kontoren der Obrigkeit, wieder andere Lehrer oder Professoren an den Universitäten. Auch Bauern und Handwerker gab es. Überall war es nützlich diese Fähigkeiten gelernt zu haben. Nützlich, weil es dem Beruf nutzte, dem Geschäft, dem Handwerk zum berechnen eines Auftrags und dem Bauern beim Verkaufen der Ernte. Mir war es auch nützlich. Aber nicht nur für das tätige Leben. Bald wollte ich wissen wie es anfing. Alles. Das Leben, die Menschen, die Tiere, die Bäume, die Wolken und die Flüsse. Am Anfang war das Wort. So steht es in der Bibel. Also das Wort, das ich lesen und schreiben können muß um zu begreifen. Dann die Zahl. Drei für die Gottheit. Vier, die Erde, die heilige Sieben, die vierzig Tage in der Wüste. Die Quersummen, die wieder andere Geheimnisse verrieten. So sieht man mehr und mehr, daß Wort und Zahl der Urbeginn sind. Von Gott erschaffen sind. Und erst daraus alles Weitere folgt. Der Handel, die Kontorarbeit, das Berechnen der Handwerksarbeit, die Maße der Bauten. Bei der Mutter Kathedrale zu Chartres ist das noch gut zu sehen. Es fügen sich dort die Maße nach alten Gesetzen die von den Templern aus Jerusalem mitgebracht wurden. Gesetze, die den Tempelbau Salomons bestimmten - die Tempelritter hatten ihre Burg auf dem Gelände des Tempels erbaut und haben viele Jahre dort gegraben und gemessen - die Gesetze, die davor die Maße der Bundeslade errechneten."
Er hielt kurz inne und sah seine Gemeinde ruhig an.
"Wenn ihr nun, liebe Brüder, morgen wieder das Feld bestellt, Teiche grabt, Handel treibt, Bauten errichtet, Kontorbücher führt oder auch nur eure Hühner zählt, dann liebe Brüder könnt ihr das nun tun mit der Gewißheit, daß Zahl und Wort von Gott sind, und in Gott sind. Und alles was ihr mit Zahl und Wort in diesem Sinne tut, tut ihr mit Gottes Segen."

Nach dem Gottesdienst gingen die Ordensritter, Antonius und Egbert gemeinsam zum Refektorium. Sie sprachen über die schöne Predigt, und jedem fiel noch ein Beispiel ein, das in bestimmter Weise die Harmonie der Zahlen zeigte. Egberts Magen knurrte jetzt so laut, daß alle lachten. 

Der Speisesaal war eigentlich nur eine größere Holzhütte. Der Baumeister Hans von Wesel - einer der fünf Ritter - liebte die Gesetze und Harmonie der gewachsenen Natur und versuchte sie immer nachzuahmen. Das war hier gut gelungen. Da es wenig Steine gab, die er zu Säulen mit Blattkapitälen und Rundbögen und Gewölben zusammen fügen konnte, hatte er Stützwerk und Dachkonstruktion aus Stämmen und Ästen so unregelmäßig, wirr und doch harmonisch miteinander verzapft, daß der Eindruck entstand, alles wäre natürlich gewachsen.

Einfache Hocker aus hellen Birkenbaumscheiben standen vor den langen dunklen Tischen aus harter Mooreiche. An den Wänden hingen bunte gewebte Stoffe mit den fröhlichen geometrischen Mustern die hier zu Hause waren. Sonnenräder, indische Kreuze, Mäander und Rhomben wechselten einander ab. Die Wolle stammte von kräftigen baltischen Schafen und war wohl nicht so fein wie die englische Wolle, welche die Kaufleute mitgebracht hatten, aber hielt gut warm und verschliß nicht so schnell. 

Große Schalen mit Grütze, Brotlaibe, geräucherte Sprotten und Humpen mit Bier wurden aufgetragen. Der zuletzt angekommene Gast, heute war es der Römer Antonius, sagte das Tischgebet. Egbert saß zwischen Hans von Wesel und Antonius. Zu dritt aßen sie aus einer Schüssel. 
"Das ist etwas Besonderes, Hans, dieser Bau hier", wendete sich Antonius an seinen Nachbarn.
"Das lichte Filigran der Äste, die bunten Farben und Muster der Wandbehänge, - es sieht ganz anders aus als die feinen Bögen der neuen Kathedralen mit ihren bunten Fenstern in Frankreich. Und doch lebt der gleiche Sinn darin. Man fühlt wie der Geist frei wird und sich zum Himmel öffnet."
"Danke", sagte Hans. "Das wollte ich auch. beten und arbeiten hieß es einst, jetzt sagen wir beten lernen und arbeiten. Zum lernen braucht es einen offenen Geist und eine frohe Umgebung. Wenn ich das hier schaffen konnte, bin ich zufrieden."
 

 

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