kazdanga___inhalt_
20.5.1866

 


Besprechung mit dem Grafen über die neue Schule

Das Zimmer im Schloß__Edward Henry Wehnert, Drawing Room

20 Mai 1866

Janis Janeks wartete in dem großen Zimmer im Südflügel des Schlosses derer von Manteuffel. Die großen Glastüren zum Balkon waren geöffnet, die Sonne spiegelte sich auf dem gut gebohnerten Parkett und von draußen hörte man die Amseln flöten und den hellen Klang der Turmuhr die zehn mal schlug. Herr von Manteuffel hatte ihn bestellt um über die neue Schule zu sprechen. Die baltischen Barone waren nicht reich, der Boden war arm und meist gab es Sand, Kiefern und Birken. Ihr Reichtum war der Wunsch nach Bildung. Die Söhne wurden nach Deutschland, Holland, Frankreich und Italien auf die besten Universitäten geschickt und erwarben sich so Geschick und Wissen, das sie als Beamte und Militärs bei allen Höfen beliebt machte. Die Bibliothek war reichlich ausgestattet, und barg neben allen Schätzen der Klassik und Wissenschaft auch alles was an Neuerem zum Thema Bildung, Erziehung und Pädagogik erschienen war. Das lag diesem Manteuffel besonders am Herzen. Deshalb hatte er auch Janis auf Wanderschaft geschickt um das Lehren zu lernen und zu erfahren was es Neues auf diesem Gebiet gab. Nach fünf Jahren war Janis nun vor zwei Wochen wieder zurückgekommen und jetzt sollte die neue Schule eingerichtet werden. Überall hatte er gehört, daß man dringend darüber beriet eine allgemeine Schulpflicht einzuführen. Die Manteuffels wollten das jetzt schon auf ihren Gütern. Der Entschluß war gefaßt, es ging nur noch um das wie. 

Die Tür hinter ihm wurde geöffnet. Das mußte Otto sein. Der Vater von Otto hatte Juristerei an der Albertus-Magnus Universität in Köln studiert und die vieleckigen Kirchen dort aus der Zeit des Kaisers Otto hatten ihn so begeistert, daß er seinen Sohn Otto nannte. Janis kannte ihn von Kindheit an, hatte mit ihm gespielt und gelernt. Natürlich duzten sie sich damals und das war so geblieben. Er erinnerte sich noch der vielen Hauslehrer, besonders des Studenten aus Paris, der ihnen so schöne Geschichten von seinen Reisen erzählt hatte, daß sie, um durch Lesen mehr zu erfahren, fleißig Französisch gelernt hatten. Besonders gern hörten sie die Berichte aus Occitanien, von Raimond de Berenger, Esclaramonde und der Festung Montsegur. Sie hörten wie die Bonhomme im Lande umher zogen um den Weinbauern und Schafhirten Lesen und Schreiben beizubringen und christlich zu denken und zu beten. Sie hörten vom Minnesang und wie die Mathematik von den Muselmanen aus Spanien nach Norden kam.

"Sweiks, wie schön dich zu sehen". Otto sprach mit ihm mal lettisch, mal deutsch. Nach seiner Rückkehr hatten sie schon viel über die neue Schule gesprochen. Janis hatte ihm erzählt von den verschiedenen Schulen in Holland, Deutschland und der Schweiz, hatte gesprochen von den reformpädagogischen Ideen des Pestalozzi und anderen, und besonders davon wie ihn beeindruckt hatte der Bergingenieur Montan, den er in den Alpen auf seinem Wanderweg nach Italien getroffen hatte.

 Montans Vater war auch Montan genannt, und hatte seinem Sohn von einer ganz besonderen Schule berichtet, wo die Kinder in den drei Ehrfurchten, der Ehrfurcht vor dem über uns, dem Göttlichen, der Ehrfurcht vor dem gegenüber, dem Menschen, und der Ehrfurcht vor dem unter uns, der Erde erzogen wurden. Zugleich mit den Kulturtechniken und der klassischen Bildung lernten die Kinder die fleißige Arbeit in einem Handwerk, wobei auch die Ausbildung zum Bauern ebenso lang und gewichtig war wie die zum Schmied etwa. Musik und Kunst, Tanz und Spiel wurden als Fächer gleichberechtigt gepflegt. Montan hatte Janis genau beschrieben wo diese Schule zu finden war, es würde eine Reise von einigen Tagen bedeuten, doch hatte er sie trotz langem Umherwandern nicht gefunden. Vielleicht war die Beschreibung der Gegend nicht mehr brauchbar gewesen, Montan selbst kannte den Weg auch nur aus den Erzählungen seines Vaters. Jetzt waren viele Jahrzehnte vergangen und die Landschaft, die Wege, die Dörfer, Felder und Wälder hatten sich so verändert, das nur wenig wieder zuerkennen war. Nach einem Monat hatte er aufgegeben, weil die Zeit der Wanderung zu Ende ging, auch das Geld reichte gerade noch für die Rückfahrt nach Kurland.

"Janis", sagte Otto. "Ich habe über deine Berichte lange nachgedacht, und dann in meinen Büchern gesucht ob ich ähnliches finde. Denn abgesehen von Lesen, Schreiben und Rechnen sind fremde Sprachen notwendig und Musik, Kunst, Kultur. Der Weg dahin scheint mir am besten der Weg zu sein von dem dir Montan sprach. So wollen wir es machen. Unsere Schule. Auch wenn sie noch so klein ist. Es wird schon gehen. Wir fangen mit den Kindern hier auf dem Hauptgut an. Seit auf den Vorwerken selbständige Bauern wirtschaften brauchen wir die Büros des Vorwerkverwalters nicht mehr. Dort soll deine erste Schule sein. Die Grunddinge kannst du lehren. Bei vielem kann ich dir auch helfen. Für die Handwerke darfst du unsere Leute immer holen oder deine Kinder zu ihnen schicken. Besonders der Schmied wird sich freuen. Er hat schon immer gesagt, daß ein Schmied auch Vivaldi kennen muß um ordentliche Arbeit leisten zu können. Jetzt verstehe ich was er meinte. Und mit den Ehrfurchten wird dir unser schlesischer Pfarrer im Dorf beistehen. Er hat ein ganz besonderes Buch aus seiner Heimat mitgebracht. Wie unsere Dainas, die kleinen Lieder, stehen dort Vierzeiler, in die man sich lange versenken kann."

Jetzt schwiegen beide. Janis war glücklich. Das hatte er sich immer gewünscht. Von draußen hörte man den Gärtner mit seiner Schubkarre auf dem Kiesweg fahren. Im Park rief irgendwo ein Kuckuck. 
 

_________________________________________