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25.5.1866

 


Die neue Schule; Peterchens Kontakt zu Elementarwesen

Das Feld, die Wesen__ 

25. Mai 1866

Janis drückte die Tür fest ins Schloß. Seit dem Gespräch mit dem Baron hatte sich hier in dem ehemaligen Verwalterhaus viel geändert. Auch diese Tür. Normalerweise gingen Haustüren nach innen auf. Jetzt, wo hier eine Schule werden sollte, mußte sie natürlich nach außen auf gehen. Bei Feuer oder anderer Gefahr durfte keine Panik entstehen, wenn es am Ausgang eng wurde. Der Schmied hatte die Scharniere geändert und jetzt war es gut. Im Haus hatten die Zimmerleute im Erdgeschoß so viele Wände abgebrochen, daß ein kleiner Saal entstand. Sicher würde er Schüler verschiedenen Alters haben, aber zu Anfang waren es nicht mehr als zwanzig, und da mußte ein Lehrer genügen. Ein Lehrer in einer großen Klasse, - die Kleinen vorne und die Größten hinten sitzend -, so hörten die Jüngsten schon Dinge, die sie später lernen würden, und die Älteren konnten Stoff wiederholen, den sie vielleicht schon vergessen hatten. Das klappte ganz gut, wie er aus seiner Hauslehrerzeit in Paris wußte, wo er die Kinder des Grafen de St. Germain unterrichtet hatte. Von dort hatte er noch etwas anderes wichtiges mitgebracht. In dem Stadtpalais des Grafen war im Gartenzimmer ein großes Labor eingerichtet. Es stammte wohl von einem der Vorfahren und wurde nicht nur in großen Ehren gehalten, sondern diente auch dazu jede neue Generation mit Experimenten in die Geheimnisse der Wissenschaften einzuführen. Der Graf hatte einen Plan gemacht, wie er die Lehre gestalten sollte, und zum Abschied hatte er ihm noch das Geheimnis der Familie mitgegeben. Der Graf hatte es eigenhändig auf schönes Pergament geschrieben:
 Es lernt nicht nur der Kopf des Menschen, es lernt der Mensch mit Haut und Haar, mit Aug', und Sinn, mit Hand und Fuß, mit Brust und Bauch, mit Herz und Seele; so wird der Geist erst vollkommen.

So würde er es auch machen, dachte Janis, machte die Tür wieder auf und ging hinein. Rechts kam der Raum für Mäntel, Jacken, Mützen und Stiefel, links sein Arbeitszimmer mit großen Schränken für Bücher und allem Material für die Wissenschaft, und geradeaus lag der große Klassenraum. Hier roch es noch nach Farbe und Wachs für die Dielen. Die Wände hatten das Grün junger Birkenblätter, die Decke war weiß und ein Fries von Walderdbeeren mit roten Tupfern zwischen dunklem Grün trennte die beiden. In der Ecke stand der übliche drei Meter hohe Holzofen und im Raum waren regelmäßig einfache Tische für je zwei Schüler verteilt. Die Hocker davor waren so geschickt aus Kiefernstammscheiben geschnitten, daß jeweils drei stehen gebliebene Äste die Beine bildeten. An den Wänden wechselten Ansichten der Orte, die er auf der Wanderschaft gesehen hatte, mit großen beschriebenen Blättern ab. Die ersten Zeilen von Caesars De Bello Gallico fand man ebenso wie die Deklaration der Menschenrechte Liberté, Égalité, Fraternité. Der Pfarrer hatte sich bei einer Besichtigung Paul Gerhards 'Oh Haupt voll Blut und Wunden' gewünscht, der Schmied, der ja beim praktischen Unterricht helfen sollte Schillers 'Festgemauert in der Erden', und der Baron überraschenderweise Mignons 'Wer nie sein Brot mit Tränen aß'. Auf jedem Platz lag eine Schiefertafel und ein Griffel, die beiden Lappen, einer zum Naßwischen und einer zum Trocknen sollten die Kinder selbst mit bringen. In der linken Ecke stand auf einem Holzpodest eine kleine Gipsfigur, Abdruck eines römischen Diskuswerfers, die früher im Eingang des Schlosses gestanden hatte. Beim Vergrößern der Reisebilder hatte ihm der Geometer geholfen und die Schriftbilder hatte der Gutskontorist liebevoll in Schönschrift gemalt.

Hieraus gibt es kein entrinnen, dachte Janis so für sich hin. Kein Kind wird diesen Raum verlassen ohne Lesen und Schreiben, ohne Amo, Amas, Amat, ohne das Einmaleins, ohne wenigsten etwas Wissenschaft, ohne ein Gedicht und ohne ein Lied. Jetzt können sie kommen. 

Mit der linken Hand grüßte er den Raum und ging. Von draußen schloß er vorsichtig die Tür der Schule, - seiner Schule. Nicht, daß er sie als Besitz ansah, eher meinte er das Gefühl, das ein aufrichtiger Diener gegenüber seinem Herrn hat, den er beschützt. Sein Herr waren die Kinder, die er nun unterrichten würde. Er würde von ihnen lernen, wie er ihnen dienen könnte. Wie er jedem einzelnen nach seiner Art die Werkzeuge in die Hand gäbe, die es für seinen Lebensweg braucht. Dem Schäfer die Gabe zu beobachten, dem Landmann, die Sprache der Tiere und Pflanzen, dem Stellmacher, die Geometrie, dem Maurer die Perspektive, dem Zimmermann die Genauigkeit, dem Schmied die Sprache von Donner, Blitz und Feuer, dem Pfarrer das Latein und dem Lehrer die Geduld.

Janis ging nach Westen. Die Sonne stand links eine Stunde vor Mittag. Morgen war der erste Schultag, doch jetzt wollte er etwas wandern. Der Weg ging über eine Brücke, die den Wasserlauf zwischen zwei Fischteichen überspannte. Ein Birkenwäldchen, eine einzelne Eiche, dann kamen die Felder. Weite grüne Meere sprießenden Korns. Zwei Bussarde segelten, kreisten, stürzten und flogen wieder hoch in dem Aufwind am Waldrand. In der Mitte der Felder kreuzten sich die Wege. Die alte Kiefer dort wuchs so mächtig und prächtig, daß man schon von weitem vermeinte den harzigen Duft zu riechen. Im Sommer Schatten, im Winter ein gutes Wegzeichen, wenn die Landschaft zugeschneit war, bei Unwettern Schutz, - sie war von Alters her ein Wahrzeichen und keiner würde sie fällen wollen. Ein Kind saß dort. Den Kopf leicht verrenkt zur Seite geneigt als ob es den Vögeln lauschte, ein grob linnenes Hemd mit einfachen Mustern bestickt, Holzschuhe, ein blaues Fischerkäpchen und lächelnde Augen. Janis kannte Peterchen. Er war schon zwölf Jahre alt mit dem Körper eines sieben Jährigen. "Wie gut, daß wir die Bussarde haben", sagte Peterchen, " sonst würden uns die Mäuse alles Korn wegfressen und wir hätten kein Brot!"

Janis war überrascht. Peterchen war eigentlich zu nichts zu gebrauchen. Er konnte nichts lernen, nichts arbeiten, wenn man ihm etwas Einfaches zu tun gab, vergaß er bald was er machen sollte und rannte fort. Aber er war immer lieb. Die Eltern hatten sich abgefunden, und alle auf dem Gut hatten ihn gern. Besonders mochten sie seine wunderlichen Geschichten und die Logik, welche oft die merkwürdigsten Dinge miteinander in Beziehung brachte. Er saß immer da und beobachtete. Nur selten schien er aber die Zusammenhänge zu sehen. Wenigsten dachten das die meisten. Janis spürte jedoch öfter einen tieferen Sinn in den Worten Peterchens. 

Dieser Satz, dachte Janis, war jedenfalls logisch und klar.
"Sitzt du schon lange hier?", fragte er Peterchen.
"Seit Sonnenaufgang. Erst war es kalt. Jetzt geht es. Die Bussarde sind schön. Fliegen wunderbar. Darf ich auch fliegen? Kannst du mir einen Fliegestuhl bauen? Bitte?"
"Menschen können nicht fliegen," sagte Janis. 
"Die Knochen sind zu schwer. Vögel haben luftige Knochen und leichte Federn".
"Wenn du meinst. Das ist aber schade. Na ja. Ich hätte so gerne gesehen, wie es von dort oben hier unten aussieht. Ob die Bussarde noch sehen können, wenn ich lächle? Oder traurig bin? Kannst du sehen ob ich lächle oder traurig bin ?"
"Natürlich kann ich das aus dieser Entfernung", sagte Janis.
"Wieso natürlich. Du bist doch erwachsen. Erwachsene sehen nur mein Gesicht. Aber nie ob ich drinnen traurig oder fröhlich bin. Schau mal, der hintere Bussard sieht uns jetzt an."
"Was meinst du, er sieht uns an. Das ist doch viel zu weit. Wie kannst du das sehen ?"
"Ganz einfach," sagte Peterchen," ich frage meinen Begleiter was der Bussard jetzt macht. Dann guckt er nach oben, und weil er bessere Augen hat als ich kann er alles sehen. Das sagt er mir dann."
" Wie heißt denn dein Begleiter ?"
" Ich weiß nicht. Eben Begleiter. Er hat keinen Namen. Sehen kann man ihn auch nicht. Er ist einfach da. Er ist mein Freund."
" Hat er dir von den Mäusen und dem Korn erzählt ?"
" Unsinn, das weiß doch jeder Mensch. Daß die Mäuse auf diesem Feld zu viele Löcher haben. Ich bin oft hier. Einmal habe ich sogar die Mäuselöcher gezählt. Tausende, Tausende, Tausende. Soweit kann ich gar nicht zählen. Und wenn ich beim Müller in der Mühle bin und den Rädern zuschaue, sagt der immer 'die Mäuse frsssen mir noch die Haare vom Kop'. Viele hat der ja nicht mehr. Deshalb braucht es die Bussarde. Damit der Müller seine letzten Haare behält und alle genug Brot haben."

Janis unterhielt sich gern mit Peterchen. Er überlegte, ob er sich zu ihm setzen sollte. Aber eigentlich wollte er noch etwas wandern. Da kamen Gedanken. Und Stimmungen. Und Einfälle wie Zufälle. Das Wandern machte die Seele frei und offen für diese Dinge.
" Willst du mit mir kommen? " fragte er ihn. Laufen konnte Peterchen gut. Sogar sehr gut und schnell. Der Körper war wohl klein, aber die Beine fast dem Alter entsprechend und sehr kräftig. Er war sehr ausdauernd im Rennen. Das war auch das Einzige, was er gerne tat. Irgendwo hinrennen mit einer kleinen Nachricht. Er kam auch immer an und bestellte alles genauestens. Hierbei war er nie vergeßlich.

Janis reichte ihm die Hand, Peterchen griff sie fest und ging mit. Als sie hochschauten legte einer der Bussarde gerade die Flügel an und fiel wie ein Stein. Kurz vor dem Erdboden, kaum sechs Meter entfernt,  bremsten die Flügel den Fall, ein schrilles Quieken und mit einer Maus in den Fängen und kräftigen Schlägen der Schwingen flog er fort. Peterchen war ganz aufgeregt. 
" Die beiden haben aber noch viel zu tun bei all den Mäusen hier. Ob die das schaffen werden? Ich frag' mal meinen Begleiter ob wir nicht helfen müssen. "

Stille. 

" Er will jetzt nicht sprechen. ", sagte Peterchen dann.
" Eigentlich sollen die Mäuse ja auch leben. Aber nicht so viele hier. Vielleicht sollten sie in den Wald oder die Heide umziehen. Die Füchse und Marder brauchen auch was. Nur hier ist es so offen, da trauen sich die nicht. Nachts kommen mal ein paar Eulen und Käuzchen, aber das scheint auch nicht zu helfen."
Er ließ Janis Hand los, rannte zum Feldrand und führte beide Hände langsam über die jungen Pflanzen und den Boden. Es dauerte eine ganze Weile, er rannte auf die andere Seite des Weges, dann nach vorne, dann zurück, dann wieder an die erste Stelle.
"Kannst du das sehen ?" Fragte er Janis. "Oder spüren ? Das Feld ist ein bißchen krank. Vielleicht war es krank und die Mäuse kamen, vielleicht kamen die Mäuse und dann wurde es krank. Wer weiß. Auf jeden Fall sind zu viele Mäuse hier. Das geht nicht. Kannst du mir ein klitzekleines Feuerchen machen? Bitte, bitte ! Dann verbrennen wir ein paar Mäuse und später verstreuen wir die Asche überall. Das wird sie schon vertreiben."
"Wenn du die Asche brauchst," erwiderte Janis "dann müssen wir das Feuer besser organisieren. Eine richtige Feuerstelle damit es heiß genug wird, einen Behälter für die Asche und so weiter. Laß' es uns am Sonnabend machen. So wie man am Samstag, vor dem Tag des Herrn, alles saubermacht, die Stuben wischt, den Hofplatz fegt, den Misthaufen ordentlich zusammen setzt und die Kühe putzt, so wollen wir dann dieses Feld reinigen. Das wird den Herrn am Sonntag dann freuen. Und der Pfarrer kann in der Predigt Dank sagen, dafür, daß wir genug Korn haben werden."

Janis ging immer voll Eifer auf alles ein was Peterchen so ausheckte. Einmal wurde Peterchen dadurch zutraulicher und war schon einige Male länger bei ihm geblieben und hatte bei kleinen Arbeiten geholfen, zum Anderen aber kam es auch immer wieder vor, daß sich der größte Unsinn plötzlich als richtig und gut erwies.

Peterchen war einverstanden und sie gingen weiter. Nach einer Weile, als sie schon fast die ersten Kiefern am Waldrand erreicht hatten, hörten sie hinter sich Pferdegetrappel und Knirschen. Erst sahen sie nur einen großen Rappen mit weißer Zeichnung auf der Stirn, dann dahinter den Baron in seinem englischen Dogcart. Er hatte ihn vom Besuch seiner Verwandten in Hampshire zurück gebracht. Vetter Wolf hatte in Southampton Schiffbau studiert, sich verliebt in eine Engländerin und entwarf jetzt dort für die christliche Seefahrt die schnellen Klipper. Seine Schiffe waren sehr begehrt und hatten oft beim Rennen der Tee-Kapitäne als erste die Küste von England wieder erreicht. Janis kannte die Geschichte, denn der Baron erzählte immer gern von dieser Reise.

Der Dogcart hatte riesige Räder die dünn und zerbrechlich aussahen, aber aus einer der feinsten Stellmachereien stammten und sehr stabil waren. Neben der Größe der Räder wurden Steine und Löcher des Weges ganz klein und harmlos. Dazu kamen lange Blattfedern aus Sheffield-Stahl um die Fahrt bequem zu machen.

Der Wagen hielt. 
"Wohin so flugs des Wegs" scherzte der Fahrer. "Wollt ihr mitkommen?" 
Er hatte die kleine Gestalt mit dem Fischerkäppchen und seinen Freund Janis schon von weitem erkannt und war gern in ihrer Gesellschaft. 
"Ich fahre ans Meer. Da wo der Fluß mündet. Wenn ihr euch ein bißchen quetscht, haben wir alle Platz."
Peterchen nickte begeistert und sie kletterten hoch. Der Rappe verrenkte seinen Kopf um zu sehen was hinten passierte, war aber scheint's mit der neuen Fracht zufrieden und trabte mit langen Schritten fort.

Im Wald wurde es kühler, aber der Weg war jetzt mit Nadeln gepflastert und weich und leise. Kaum hörte man die Hufe des Rappen. Er stammte aus einer kurländischen Araber-Zucht und die Sage ging, daß die Ururahnen vor vielen Jahrhunderten mit den Deutschrittern aus dem Morgenland kamen. Die Stammbäume waren dreihundertsechsundsechzig Jahre zurück erhalten, davor hatte ein Brand alles vernichtet. Allerdings sagten die Namen sehr viel aus. Dieser Rappe hieß Omar, der Vater Osman, die Mutter Fatima. Fünf Generationen zurück gab es auch Otto und Oskar aber meist hielt man sich an die Listen der muselmanischen Namen.

 

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