kazdanga___inhalt_
Beobachtung

 


Die alte Mühle; Franz der Schäfer und die Vögel

Kiefern,  Heide, Schafe__Charles-Emile Jaques, Schafe am Waldesrand 

Beobachtung

Der Wanderer hatte gut geschlafen. Im Nebenzimmer klingelte das Telephon. Der Direktor lud ihn zum Frühstück ein um acht Uhr. Es war jetzt 7 Uhr 15, Zeit genug um sich zu rasieren, die Papiere und Gedanken zu ordnen. Was war jetzt hier, wie war es früher, was wollte werden. Jetzt war es ein aus der Sowjetzeit übrig gebliebenes Technikum für Landwirtschaft, früher war es ein Gut baltischer Barone gewesen, aber was wollte es werden? Wollte überhaupt irgend jemand etwas? Warum war er hier und blieb auch hier? Die Wirtschaft hier sah teils lieb, teils ziemlich entsetzlich aus. Wenn es einen Plan für die Zukunft gab, so hielt er sich sehr versteckt. Alles verkam irgendwie immer mehr und noch schneller als früher, alles was nicht engster Privatbesitz war verschwand komplett oder in Teilen. Ob Kuhmist oder Diesel, Milch oder Arbeit, Schrauben oder Butter, Schulstunden oder Hausreparatur, nichts war mehr in der rechten Größenordnung da. 

Aber doch. Er hatte gestern etwas gespürt. Das Land, die Häuser, die Bäume, die Teiche, er fühlte sich wohl hier. Es gab eine Kraft. Eine Kraft die wollte. Weitermachen wollte, sich entwickeln wollte, wachsen wollte und blühen. Wie ein Samenkorn, daß auch nach langem Versteck in totem Boden überlebte und mit etwas Wasser und Dünger sprießen würde. Vielleicht könnte er etwas davon finden, in sich aufnehmen und den Menschen heute verständlich machen. Übersetzer sein für die Kraft des Ortes, so daß sie in Menschen wachsen könne. Ihnen ein Ziel geben und den Willen ausgraben nach diesem Ziel zu streben. Er zog sich die Jacke an und ging zur Wohnung des Direktors.

Er klingelte, öffnete die klapprige Tür und stieg die vier Treppen in dem unansehnlichen Plattenbau hoch. Der Tisch war liebevoll gedeckt. Ein kleiner Strauß Feldblumen, hübsches Rigaer Porzellan mit Blümchen auf ausgebreiteten bunten Papierservietten, Butter, ein paar Scheiben des dunklen, etwas süßen Brotes, Weißbrot, ein Teller mit verschiedenen Sorten Wurst und Geräuchertem dekoriert, saure Sahne mit Kräutern, lettischer Schnittkäse mit und ohne Kümmel, eine kleine Büchse Sprotten, große Stücke geräucherter Neunaugen, geschnittene Tomaten und Gurken, eine Büchse Nescafé aus Indien, hausgemachte Marmelade und kleine geschliffene Gläser für den Rigaer Balsam. Die Hausfrau kam mit einer Thermoskanne, groß, chinesisch, voll heißen Wassers und setzte sich zu den Beiden. Er erzählte dem Direktor von seinen Erlebnissen am vorigen Abend, den Stimmen am Teich, den Schulkindern. 
" Gibt es irgendwo Unterlagen, Chroniken, Berichte über diesen Ort ?" fragte der Wanderer. "Vielleicht finde ich etwas, was diese Schau erläutern und klären kann. "
" Ich weiß nicht, hier hat man sich nie darum gekümmert, weil es ja die Geschichte der 'Klassenfeinde' war. Man könnte mal im nächsten Bezirksrathaus nachsehen. Die haben, glaube ich, nicht alles weggeschmissen. Hier am Ort könnte man auf den Speichern und Dachböden der alten Häuser kramen. Du kannst gleich mitkommen. Nebenan wohnt noch ein uralter Schäfer, vielleicht weiß der noch was, oder kann dir jedenfalls alles zeigen."
" Ich weiß eigentlich nicht recht, was ich mit dem Ganzen anfangen soll, " sagte der Wanderer. " Das Leben hier ist so zeitlos geworden. Keine Vergangenheit, keine Zukunft, so als ob man nie die Uhr oder den Buchdruck erfunden hätte. "
" Ich kann dir dabei nicht helfen, " sagte der Direktor, " ich bin ausgebildeter Maschinist. Landmaschinen. Eigentlich keine besondere Voraussetzung für den Direktor eines Unternehmens mit 300 Hektar Landwirtschaft, 350 Schülern, einer maroden Heizanlage, unwilligen Mitarbeitern, verschlissenen Geräten und einer Parzelle, auf der meine Frau und ich unser Gemüse und unsere Kartoffeln anbauen um den Kindern zu essen zu geben. Nach der Befreiung wollte kein anderer den Job, jedenfalls kein anderer der ein bißchen organisieren konnte und hier Bescheid wußte. So sieht das aus. Prost. " 
Er schenkte die drei Kristallgläschen aus der braunen Tonflasche voll und sie tranken sich zu. Nach dem fetten Frühstück - allein die Sahne hatte Ca 35 Prozent Fettanteil, ganz zu schweigen von all dem guten Geräucherten und den Neunaugen - tat der Kräuterschnaps gut.

Der Schäfer Franz - er hieß eigentlich nicht so, sondern bestand darauf mit diesem Namen angeredet zu werden weil er immer davon geträumt hatte einmal nach Assisi zu kommen - ein utopischer Traum in der Sowjetunion und außerdem höchst gefährlich, es gab Zeiten, wo schon die Rede über einen Traum nach Bonn zu fahren fast eine Fahrkarte nach Sibirien bedeutete, - also der Schäfer Franz begrüßte unseren Wanderer herzlich und musterte ihn mit eindringlichem, fast stechendem Blick als er von dessen Wünschen erfuhr. Es war lange her seit sich jemand für die Geschichte interessiert hatte. Er wußte wohl noch Einiges, aber war im Lauf der Zeit immer zurückhaltender geworden, da er bald gemerkt hatte, daß nie ein wirkliches Interesse bestand, sondern höchstens eine dumme Neugier, die sich auch nicht schämte, bei Mißfallen über das Gehörte bei den zuständigen Parteistellen Anzeige zu erstatten über einen bürgerlichen Reaktionär den man mal wieder ausgegraben hatte.

Offensichtlich war befriedigend was der Schäfer sah, denn er nickte dem Wanderer kurz zu, hörte sich kaum die Erklärungen des Direktors an, und bat man möge ihm folgen. Der Direktor ging zu seiner morgendlichen Lagebesprechung mit Lehrern, Technikern, Landwirten und der freundlichen Person, welche die Kantine leitete, und der Wanderer folgte Franz. Statt zum Haupthaus, auf dessen Dachboden der Wanderer zuerst fündig zu werden hoffte, ging der Weg über die Brücke über den Zulauf zwischen zweien der Karpfenteiche zur alten Mühle. Ein langer, niedriger Bau mit einem riesigen Walmdach, wie man es früher bei Scheunen oft sah, stand vor ihnen. Die Sparren hatten sich in der Mitte leicht gesetzt, so daß statt einer Geraden der First einen sanften Bogen beschrieb. Ungewollt strahlte der Bau so etwas wie chinesische Weisheit aus die Jahrhunderte überdauerte unter den Dächern, die an den Enden in die Höhe  zum Himmel zeigten. Franz holte ein Schlüsselbund hervor und fand auch bald den passenden, etwas verrosteten Schlüssel mit kompliziertem Bart. Erst ging es in die Tiefe, denn wie Franz jetzt erklärte, es war eine Mühle, die vom Wasser getrieben wurde, und unten würde man die Turbinen und Getriebe finden. Richtig fanden sie auch vielerlei Gestänge mit Kegelrädern, welche die Kraft nach oben leiteten. Über mehrere steile Holztreppen erreichten sie Räume mit den Mahlwerken. Es gab noch zwei Steinmühlen und dazu, neueren Datums, wohl aus den dreißiger Jahren, zwei Stahlwalzen-Mühlen. Oben liefen die langen Achsen der Transmission mit ihren Laufrädern, Riemen und Übersetzungen. Der Wanderer erinnerte sich plötzlich an seine Jugend, als er noch den schlappenden Krach der Transmissionsriemen in einer alten Nagelschmiede gehört hatte. Er erinnerte die Hebel, die mit kompliziertem Umleitwerk die Riemen auf die Treibräder legten, wenn ein Gerät laufen sollte, und er hörte fast wie damals das Schleifgeräusch der Lederbänder, wenn sie neben den Treibrädern leer liefen.

Sie begannen zu suchen. Der Wanderer kroch im Gebälk rum während der alte Mann Säcke und zerbrochene Möbelstücke beiseite schob. Als erstes fanden sie die Betriebsanleitung der Kaplanturbine. Nach den Unterlagen war 1927 das alte unterschlächtige Wasserrad durch die Turbine ersetzt worden. Jetzt konnte man mehrere Mahlwerke anschließen, und zehn Jahre später kam sogar ein Generator zur Stromerzeugung. Franz erinnerte sich, daß bis Anfang der sechziger Jahre der ganze Strom für den Betrieb hierher kam. Dann tauchte in einer schmutzigen Ecke - etwas zerfleddert - ein Mahlbuch des Müllers auf. Die erste Eintragung hatte das Datum 14. November 1861, die letzte 30. April 1898. Meist waren nur die Mengen des Mahlgutes verzeichnet, oder Reparaturen und Wartungen. Auch wenn das Wetter besonders schlecht oder besonders gut war wurde verzeichnet mit dem Zusatz, wie z.B. hohe Luftfeuchtigkeit die Qualität des Mahlens beeinträchtigte. 1863 waren große Lücken in den Eintragungen, wohl eine magere Ernte in dem Jahr. Am 19. September 1867 eine Bemerkung über einen Lehrling: ' die neue Schule macht sich schon bemerkbar. der Maris kann lesen, schreiben und rechnen - eine große Hilfe für mich.' Am 3. Oktober 1887 beklagt sich der Müller über die neue Mode mit schnellreifendem Saatgut auch Weizen anzubauen. Die verwöhnten Bauern wollen jetzt auch noch Weißbrot, und er muß eines der Mahlwerke neu einrichten. Am 12. Dezember 1893 steht: 'das Korn von den Versuchsfeldern wo man den neumodischen Dünger verwendet, ist leichter, wäßriger und mahlt schlecht.' Und endlich am 16. März 1896: ' Janis war hier. Guter Lehrer. Dankt mir zum Abschied, daß ich geholfen habe. All die Jahre. Viele Generationen von Schülern waren hier. Wissen wie Wasser zu Arbeit wird, Korn zu Mehl, Zahnräder und Riemen die Kraft weiterleiten. Morgen kommt ein neuer Müller. Mahl mit Gott.' Die folgenden Eintragungen haben eine andere Schrift. 

Die Sonne hatte unter dem Dach jetzt eine ziemliche Hitze entwickelt. Die beiden fingen an zu schwitzen. Der Staub, durchsetzt mit Spelzen klebte und juckte. Es wurde mittag, und trotz intensivster Suche fanden sich keine weiteren Schätze außer einem alten Zeitungsausschnitt mit Datum 10. Februar 1932, der in einem Protokollbuch der elektrischen Schaltanlage eingeklebt war und aussagte, daß zur Zeit in Lettland ein groß Teil des Stroms für die Landbevölkerung in solchen Flußkleinkraftwerken erzeugt wurde. Interessant an dem Buch war, daß der Wasserstand bis auf eine Ausnahme im Sommer 1929 immer genügend hoch war, um den geforderten Strom zu erzeugen. Reparaturen gab es kaum, selten war die Hauptsicherung fällig, wenn bei höherem Wasserstand die Turbine schneller lief und der Regler nicht schnell genug reagierte. Aber diese Unterlagen halfen dem Wanderer nicht weiter.

Sie beschlossen aufzuhören und gingen nach draußen. Der Wanderer hätte sich gern noch mit dem Schäfer unterhalten und wollte ihn zum Mittagessen einladen. Franz indessen bestand darauf, daß sie bei ihm zu Hause etwas essen würden und sie machten sich auf den Rückweg. Das Häuschen stand etwas abseits der vierstöckigen Wohnblöcke und sah ordentlich aus. Weiß, mit kupfernem Dach und grünen Fensterläden, davor ein Garten mit Gemüse und Blumen, hinten einige Obstbäume und Sträucher. Drinnen zogen sie sich die Schuhe aus und begrüßten die Hausfrau. Franz fragte, ob für den Gast wohl auch etwas zu essen da wäre. Natürlich, war die Antwort und sie setzten sich im Wohnzimmer. Die Hausfrau machte sich in der Küche zu schaffen, der Schäfer ging sich waschen und der Wanderer sah sich die vielen Bücherregale an. Dostojevski, Tolstoi, Gorki, Hemingways Der alte Mann und das Meer, Der Richtplatz von Aitmatow, Maupassant, Schnittkes Bericht über die Flucht der Deutschen, Der Brunnen von Regina Ezera, acht Bücher von Zenta Maurina darunter die Biographien, Eine Geschichte Libaus von 1886, Die Schafzucht im Spiegel der Jahrhunderte, Jack London, Joseph Conrad, Maximov, Bely, Morgenstern, Angelus Silesius, ehe er weiter die Titel lesen konnte, kam Franz zurück. Der Wanderer wusch sich ebenfalls kurz und fand Franz dann im Garten auf einer Holzbank, die aus knorrigen Buchenästen gefertigt war. Er setzte sich dazu und zeigte sich erstaunt über die Auswahl der Bücher.
"Teile stammen noch aus der gräflichen Bibliothek, ich konnte sie damals retten und hatte sie lange in einer Kiste in der alten Mühle versteckt. Die neueren Sachen stammen von befreundeten Künstlern aus Riga, die oft zur Sommerfrische hierher kommen. Sie wohnen dann in den Schülerzimmern und genießen die Landschaft und das reichhaltige Essen unserer Kantine. Von Ihnen stammen auch die vielen Bilder im Haus." Franz machte eine Pause, weil seine Frau jetzt einen Krug mit Saft und Gläser brachte. 
"Birne mit Johannisbeeren," sagte Franz, als er den fragenden Blick des Wanderers nach den ersten Schlucken bemerkte.
"Manche Bücher kamen hierher, weil meine Freunde glaubten ich wäre daran interessiert, andere haben ich sozusagen bestellt, wie zum Beispiel Zenta Maurina. Als junger Student besuchte ich oft meinen Onkel im Osten und er nahm mich mehrmals mit zu den Vorlesungen in ihrer Volkshochschule." Franz schaute nach oben, weil er eine Elster entdeckt hatte. 
"Die Elstern stehlen mir manchmal meine Kücken." Er krächzte laut. 
"Ich habe lange gebraucht, bis ich das Krächzen einer Schar Raben nachmachen konnte." Er krächzte noch mal.
"Jetzt klappt es ganz gut, und die Elstern denken es sind wirklich Raben da und hauen ab."  Wirklich, es klappt, dachte der Wanderer erstaunt, als er die Elster fortfliegen sah.
"Davon höre ich heute zum erstenmal," sagte der Wanderer,
"Ach das ist gar nicht so wild," antwortete Franz. 
"Ich war so viele Stunden, Tage, Jahre Schäfer, daß ich gelernt habe in der Stille auf die Stimmen der Tiere und Vögel zu achten. Ich kann nicht gerade sagen, daß ich mich mit ihnen unterhalte, das ist glaube ich heute nicht mehr möglich, aber ich verstehe doch einiges von dem was sie sagen, und sie wissen oft, was ich meine." Er trank noch einen Schluck.
"Als Lehrer, der ich endlich geworden war, hätten die mich irgendwann verschleppt, weil ich meinen Mund nie halten konnte,  - da war es sicherer Schäfer zu sein und mit der Natur Streitgespräche zu führen."
Der Wanderer schaute zu ihm. Franz weiß viel mehr, als er bis jetzt zugibt, dachte er.
"Erzähl' mir von der Seele hier," sagte er.
"Du ahnst was vorgeht. Was war hier früher. Wie hat es angefangen. Was sind das für Träume und Gesichte die ich habe. Wo will es hin ?" Franz schaute ihn ruhig an ohne etwas zu sagen,  - eine lange Zeit. Dann nickte er. 
"Du magst recht haben. Oder auch nicht. Wenn du es wirklich wissen willst, wirst du es schon erfahren. Man kommt immer dahin, wo man wirklich hin will. Weißt du was wirklich Wollen heißt? Nicht träumen oder wünschen. sondern mit jeder Faser des Körpers, jeder Faser der Seele wollen? Die Kräfte die entstehen? Wie ein Grassamen, der selbst diese scheußlichen Betonplatten, die sie hier Straße nennen, sprengen kann, so kann das Wollen Kräfte entwickeln, die noch ganz andere Hindernisse durchdringen können. Vielleicht ist es das was du hier spürst. Den Willen eines Ortes. Kräfte, die sich immer wieder erneuern, die sich verstärken und kämpfen."
 

 

_________________________________________